iRacing Arcade im Test: Darf der Hardcore-Simracer auch mal einfach nur Spass haben?
Stellen wir uns mal folgende Situation vor: Du sitzt in deinem High-End-Rig. Die 25-Newtonmeter-Wheelbase summt leise vor sich hin, die Loadcell-Pedale warten auf den perfekten Druckpunkt, und du hast gerade einen nervenaufreibenden, 60-minütigen Stint in der IMSA-Serie hinter dir. Dein iRating ist erfolgreich verteidigt, dein Shirt ist durchgeschwitzt, und dein Kopf braucht dringend eine Pause. Aber ganz vom Lenkrad weg willst du eigentlich auch nicht. Genau für solche Momente gibt es eine Nische in unserem Hobby, die oft belächelt wird, aber extrem wichtig ist: den Arcade-Racer. Und nun betritt ausgerechnet der Entwickler der unangefochtenen Hardcore-Simulation schlechthin dieses Parkett. Wir sprechen von iRacing Arcade. Wir bei SimUltimate haben uns verwundert die Augen gerieben, die Telemetrie-Tools kurz beiseitegelegt und uns das Spiel mit unserer strengen Simracing-Brille ganz genau angesehen. Kann ein Spiel, das seine Wurzeln im kompromisslosen Motorsport hat, als spassiger Feierabend-Racer überzeugen? Die Antwort ist ein klares, aber faszinierendes Jein.

Lizenzen, Look und Lackierungen: Echter Motorsport im Miniaturformat
Machen wir uns zu Beginn nichts vor, die optische Präsentation dieses Titels ist wirklich fantastisch gelungen. Das Spiel nutzt eine farbenfrohe, fast schon niedliche Cartoon-Optik, die an Spielzeugautos erinnert, läuft dabei aber selbst auf Mittelklasse-PCs absolut butterweich. Der eigentliche Clou für uns Motorsport-Nerds ist jedoch, dass iRacing seine gewaltige Lizenz-Power mitgebracht hat. Du ballerst hier nicht durch ausgedachte Fantasie-Schluchten, sondern über extrem gut getroffene, aber liebevoll geschrumpfte Miniatur-Versionen echter Rennstrecken. Insgesamt vierzehn Kurse stehen zur Verfügung, darunter Highlights wie Miami, Imola, Bahrain oder der Tsukuba Circuit in Japan, der sogar mit einem augenzwinkernden «Funlop»-Reifenbogen ausgestattet wurde. Auch der Fuhrpark mit acht Fahrzeugklassen kann sich sehen lassen. Vom kleinen Fiat 500 über klassische Tourenwagen und LMP2-Prototypen bis hin zu modernen GTPs und Formel-Boliden ist alles vertreten.

Um dem Ganzen eine persönliche Note zu verleihen, gibt es einen erstaunlich tiefen Customization-Bereich. Man kann den eigenen Helm, den Rennanzug und die Lackierungen der Autos farblich komplett anpassen. Wir haben uns natürlich direkt ein Team im klassischen McLaren-Papaya-Design gebaut, auch wenn die Realität der Formel 1 für McLaren-Fans manchmal schmerzhaft ist. Im Karrieremodus treibt man das Ganze noch weiter auf die Spitze, indem man einen eigenen Campus aufbaut. Man schaltet Werkstätten, Forschungsabteilungen und Garagen frei, was sich anfangs wie eine motivierende Mini-Version von SimCity anfühlt, auch wenn der Grind nach Ingame-Währung später leider etwas zu steil und zäh wird.

Fahrphysik und KI: Zwischen purem Arcade-Spass und Autoscooter-Frust
Setzen wir uns also ins Auto und kommen zum wichtigsten Teil: der Fahrphysik. Vergiss Brake-Bias-Verstellungen, Trailbraking-Nuancen oder kompliziertes MGU-K-Management. iRacing Arcade reduziert das Fahren auf exakt drei Inputs: Lenken, Gas und Bremse. Einerseits ist diese extreme Simplifizierung unheimlich erfrischend. Es ist der Inbegriff des «Pick-up and Play»-Prinzips. Du setzt dich rein und bist sofort am Limit. Zu unserer positiven Überraschung fühlen sich die verschiedenen Fahrzeugklassen tatsächlich grundlegend unterschiedlich an, was uns zeigt, dass tief im Code eben doch die DNA eines echten Rennspiels schlummert. Andererseits offenbart diese Einfachheit nach ein paar Stunden eine gewisse Leere. Wo ein Mario Kart uns mit Drift-Mechaniken, Boost-Ketten oder Items bei Laune hält, bietet iRacing Arcade keine echte fahrerische Tiefe, die man meistern könnte. Man hämmert über die Geraden, bleibt auf der Ideallinie und versucht, das Chaos zu überleben.
Und Chaos ist hier das richtige Stichwort, denn die KI-Gegner auf der Strecke kennen absolut keine Gnade. Die virtuellen Kontrahenten fahren extrem aggressiv und schieben dich ohne zu zögern von der Strecke. Das wäre bei einem Fun-Racer eigentlich kein Problem, würde das Spiel nicht gleichzeitig ein extrem hartes Penalty-System nutzen. Sobald du die Track-Limits überschreitest, wird dein Auto für einige Sekunden auf Schrittgeschwindigkeit heruntergeregelt. Das fühlt sich extrem frustrierend an, wenn man eigentlich nur ein sauberes Rennen fahren wollte, aber von der KI ins Gras gedrückt wurde. Die einzige funktionierende Taktik ist es, den Spiess umzudrehen und im Autoscooter-Stil die Gegner in die Strafzonen zu rammen. Das macht kurzfristig Spass, hat aber mit Racing wenig zu tun.

Wo das Simracer-Herz blutet: Fehlende strategische Tiefe
Wo der Simracer in uns aber wirklich verzweifelt, ist das absolute Fehlen von grundlegenden Motorsport-Elementen. Das Spiel simuliert zwar Reifenverschleiss und Benzinverbrauch, was dich irgendwann zu einem Boxenstopp zwingt, aber dieser Stopp ist pure Langeweile. Du fährst in die Box, dein Auto hält an, und du schaust einfach nur zu. Es gibt keine Auswahl zwischen verschiedenen Reifenmischungen, keine Wetter-Strategie und keine interaktiven Mechaniken, um den Stopp zu beschleunigen. Es ist schlichtweg verschenktes strategisches Potenzial.
Noch gravierender sind jedoch die Entscheidungen beim User Interface. Für ein Spiel, das den Namen iRacing trägt, ist es ein fast unverzeihlicher Fehler, dass es keinerlei Delta-Zeiten gibt. Es werden keine zeitlichen Abstände zum Vordermann oder Verfolger eingeblendet, und es gibt keine Sektorzeiten. Du fährst im Grunde komplett blind und hast keine Ahnung, ob du gerade aufholst oder Zeit verlierst, was strategisches Fahren unmöglich macht. Zu allem Überfluss schweben gigantische, nicht abschaltbare Namensschilder über den Autos der Gegner, die in engen Kurven komplett die Sicht auf den Scheitelpunkt verdecken. Solche Dinge lassen uns am Rig kopfkratzend zurück.

Unausgegorene Spielmodi und ein holpriger Multiplayer
Auch die Spielmodi wirken teilweise unausgegoren. Im «Free Play»-Modus kannst du beispielsweise ein echtes Qualifying fahren, um deine Startposition zu bestimmen. Startest du jedoch ein Rennen im Karriere-Modus, fehlt diese Option komplett und du musst immer von ganz hinten starten, um dich durchs Feld zu pflügen. Die KI-Schwierigkeit lässt sich im freien Spiel stufenlos von 0 bis 100 einstellen, in der Karriere gibt es jedoch nur fünf grobe Stufen. Oft hängt man genau zwischen zwei Stufen fest: Die eine ist gähnend langweilig, auf der nächsten sieht man kein Land mehr. Zu guter Letzt gibt es zwar einen Online-Multiplayer, dieser beschränkt sich aktuell jedoch auf private Lobbies per Code-Eingabe. Ein öffentliches Matchmaking, um einfach mal schnell gegen ein paar Fremde aus der ganzen Welt anzutreten, fehlt komplett.

Ein lohnender Boxenstopp für zwischendurch?
Unser Fazit bei SimUltimate fällt daher gemischt aus. iRacing Arcade ist ein Spiel, das irgendwie zwischen den Stühlen sitzt. Es möchte ein zugänglicher Arcade-Racer sein, lässt aber genau jene tiefgehenden Gameplay-Mechaniken vermissen, die diesen Spielen langfristig ihren Reiz verleihen. Gleichzeitig trägt es einen grossen Sim-Namen auf der Haube, ignoriert aber grundlegende Motorsport-Features wie Zeitabstände und Qualifying im Hauptmodus.
Solltest du es dir trotzdem holen? Wenn du nach einem anstrengenden Liga-Abend einfach mal das Gehirn ausschalten und niedliche Mini-Porsches in entspannter Atmosphäre über reale Strecken werfen willst, ist dieser Titel für den aufgerufenen Preis ein wunderbarer Snack für zwischendurch. Wenn du aber ein tiefgründiges Rennspiel mit Strategie und Feinschliff suchst, wirst du hier schnell an die Grenzen stossen. Wir hoffen inständig, dass die Entwickler mit kommenden Patches noch etwas mehr Struktur, ein öffentliches Matchmaking und vor allem verdammte Delta-Zeiten nachreichen!










