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iRacing Arcade im Test: Darf der Hardcore-Simracer auch mal einfach nur Spass haben?

18. März 2026
Wenn die Schöpfer der härtesten Motorsport-Simulation der Welt plötzlich einen bunten Arcade-Racer mit Spielzeugautos auf den Markt werfen, müssen wir genauer hinsehen. iRacing Arcade verspricht unkomplizierten Vollgas-Spass für zwischendurch – ganz ohne Setup-Frust und iRating-Druck. Doch kann ein Titel, der das Fahren auf Gas, Bremse und Lenkung reduziert, uns Hardcore-Racer überhaupt abholen? Wir haben den Chibi-Porsche über Imola gejagt und verraten euch, wo der Fun-Racer glänzt und an welchen Stellen das Simracer-Herz blutet.

Stellen wir uns mal fol­gende Sit­u­a­tion vor: Du sitzt in deinem High-End-Rig. Die 25-New­ton­meter-Wheel­base summt leise vor sich hin, die Load­cell-Ped­ale warten auf den per­fek­ten Druck­punkt, und du hast ger­ade einen ner­ve­naufreiben­den, 60-minüti­gen Stint in der IMSA-Serie hin­ter dir. Dein iRat­ing ist erfol­gre­ich vertei­digt, dein Shirt ist durchgeschwitzt, und dein Kopf braucht drin­gend eine Pause. Aber ganz vom Lenkrad weg willst du eigentlich auch nicht. Genau für solche Momente gibt es eine Nis­che in unserem Hob­by, die oft belächelt wird, aber extrem wichtig ist: den Arcade-Rac­er. Und nun betritt aus­gerech­net der Entwick­ler der unange­focht­e­nen Hard­core-Sim­u­la­tion schlechthin dieses Par­kett. Wir sprechen von iRac­ing Arcade. Wir bei SimUl­ti­mate haben uns ver­wun­dert die Augen gerieben, die Teleme­trie-Tools kurz bei­seit­egelegt und uns das Spiel mit unser­er stren­gen Sim­rac­ing-Brille ganz genau ange­se­hen. Kann ein Spiel, das seine Wurzeln im kom­pro­miss­losen Motor­sport hat, als spas­siger Feier­abend-Rac­er überzeu­gen? Die Antwort ist ein klares, aber faszinieren­des Jein.

Lizen­zen, Look und Lack­ierun­gen: Echter Motor­sport im Miniatur­for­mat
Machen wir uns zu Beginn nichts vor, die optis­che Präsen­ta­tion dieses Titels ist wirk­lich fan­tastisch gelun­gen. Das Spiel nutzt eine far­ben­fro­he, fast schon niedliche Car­toon-Optik, die an Spielzeu­gau­tos erin­nert, läuft dabei aber selb­st auf Mit­telk­lasse-PCs abso­lut but­ter­we­ich. Der eigentliche Clou für uns Motor­sport-Nerds ist jedoch, dass iRac­ing seine gewaltige Lizenz-Pow­er mit­ge­bracht hat. Du ballerst hier nicht durch aus­gedachte Fan­tasie-Schlucht­en, son­dern über extrem gut getrof­fene, aber liebevoll geschrumpfte Miniatur-Ver­sio­nen echter Rennstreck­en. Ins­ge­samt vierzehn Kurse ste­hen zur Ver­fü­gung, darunter High­lights wie Mia­mi, Imo­la, Bahrain oder der Tsuku­ba Cir­cuit in Japan, der sog­ar mit einem augen­zwinkern­den «Funlop»-Reifenbogen aus­ges­tat­tet wurde. Auch der Fuhrpark mit acht Fahrzeugk­lassen kann sich sehen lassen. Vom kleinen Fiat 500 über klas­sis­che Touren­wa­gen und LMP2-Pro­to­typen bis hin zu mod­er­nen GTPs und Formel-Boli­den ist alles vertreten.

Um dem Ganzen eine per­sön­liche Note zu ver­lei­hen, gibt es einen erstaunlich tiefen Cus­tomiza­tion-Bere­ich. Man kann den eige­nen Helm, den Ren­nanzug und die Lack­ierun­gen der Autos far­blich kom­plett anpassen. Wir haben uns natür­lich direkt ein Team im klas­sis­chen McLaren-Papaya-Design gebaut, auch wenn die Real­ität der Formel 1 für McLaren-Fans manch­mal schmerzhaft ist. Im Kar­ri­er­e­modus treibt man das Ganze noch weit­er auf die Spitze, indem man einen eige­nen Cam­pus auf­baut. Man schal­tet Werk­stät­ten, Forschungsabteilun­gen und Gara­gen frei, was sich anfangs wie eine motivierende Mini-Ver­sion von Sim­C­i­ty anfühlt, auch wenn der Grind nach Ingame-Währung später lei­der etwas zu steil und zäh wird.

Fahrphysik und KI: Zwis­chen purem Arcade-Spass und Autoscoot­er-Frust
Set­zen wir uns also ins Auto und kom­men zum wichtig­sten Teil: der Fahrphysik. Ver­giss Brake-Bias-Ver­stel­lun­gen, Trail­brak­ing-Nuan­cen oder kom­pliziertes MGU-K-Man­age­ment. iRac­ing Arcade reduziert das Fahren auf exakt drei Inputs: Lenken, Gas und Bremse. Ein­er­seits ist diese extreme Sim­pli­fizierung unheim­lich erfrischend. Es ist der Inbe­griff des «Pick-up and Play»-Prinzips. Du set­zt dich rein und bist sofort am Lim­it. Zu unser­er pos­i­tiv­en Über­raschung fühlen sich die ver­schiede­nen Fahrzeugk­lassen tat­säch­lich grundle­gend unter­schiedlich an, was uns zeigt, dass tief im Code eben doch die DNA eines echt­en Renn­spiels schlum­mert. Ander­er­seits offen­bart diese Ein­fach­heit nach ein paar Stun­den eine gewisse Leere. Wo ein Mario Kart uns mit Drift-Mechaniken, Boost-Ket­ten oder Items bei Laune hält, bietet iRac­ing Arcade keine echte fahrerische Tiefe, die man meis­tern kön­nte. Man häm­mert über die Ger­aden, bleibt auf der Ide­allinie und ver­sucht, das Chaos zu über­leben.

Und Chaos ist hier das richtige Stich­wort, denn die KI-Geg­n­er auf der Strecke ken­nen abso­lut keine Gnade. Die virtuellen Kon­tra­hen­ten fahren extrem aggres­siv und schieben dich ohne zu zögern von der Strecke. Das wäre bei einem Fun-Rac­er eigentlich kein Prob­lem, würde das Spiel nicht gle­ichzeit­ig ein extrem hartes Penal­ty-Sys­tem nutzen. Sobald du die Track-Lim­its über­schre­itest, wird dein Auto für einige Sekun­den auf Schrittgeschwindigkeit herun­terg­eregelt. Das fühlt sich extrem frus­tri­erend an, wenn man eigentlich nur ein sauberes Ren­nen fahren wollte, aber von der KI ins Gras gedrückt wurde. Die einzige funk­tion­ierende Tak­tik ist es, den Spiess umzu­drehen und im Autoscoot­er-Stil die Geg­n­er in die Straf­zo­nen zu ram­men. Das macht kurzfristig Spass, hat aber mit Rac­ing wenig zu tun.

Wo das Sim­rac­er-Herz blutet: Fehlende strate­gis­che Tiefe
Wo der Sim­rac­er in uns aber wirk­lich verzweifelt, ist das absolute Fehlen von grundle­gen­den Motor­sport-Ele­menten. Das Spiel simuliert zwar Reifen­ver­schleiss und Ben­z­in­ver­brauch, was dich irgend­wann zu einem Box­en­stopp zwingt, aber dieser Stopp ist pure Langeweile. Du fährst in die Box, dein Auto hält an, und du schaust ein­fach nur zu. Es gibt keine Auswahl zwis­chen ver­schiede­nen Reifen­mis­chun­gen, keine Wet­ter-Strate­gie und keine inter­ak­tiv­en Mechaniken, um den Stopp zu beschle­u­ni­gen. Es ist schlichtweg ver­schenk­tes strate­gis­ches Poten­zial.

Noch gravieren­der sind jedoch die Entschei­dun­gen beim User Inter­face. Für ein Spiel, das den Namen iRac­ing trägt, ist es ein fast unverzeih­lich­er Fehler, dass es kein­er­lei Delta-Zeit­en gibt. Es wer­den keine zeitlichen Abstände zum Vor­der­mann oder Ver­fol­ger einge­blendet, und es gibt keine Sek­torzeit­en. Du fährst im Grunde kom­plett blind und hast keine Ahnung, ob du ger­ade aufholst oder Zeit ver­lierst, was strate­gis­ches Fahren unmöglich macht. Zu allem Über­fluss schweben gigan­tis­che, nicht abschalt­bare Namenss­childer über den Autos der Geg­n­er, die in engen Kur­ven kom­plett die Sicht auf den Scheit­elpunkt verdeck­en. Solche Dinge lassen uns am Rig kopfkratzend zurück.

Unaus­ge­gorene Spielmo­di und ein hol­priger Mul­ti­play­er
Auch die Spielmo­di wirken teil­weise unaus­ge­goren. Im «Free Play»-Modus kannst du beispiel­sweise ein echt­es Qual­i­fy­ing fahren, um deine Start­po­si­tion zu bes­tim­men. Startest du jedoch ein Ren­nen im Kar­riere-Modus, fehlt diese Option kom­plett und du musst immer von ganz hin­ten starten, um dich durchs Feld zu pflü­gen. Die KI-Schwierigkeit lässt sich im freien Spiel stufen­los von 0 bis 100 ein­stellen, in der Kar­riere gibt es jedoch nur fünf grobe Stufen. Oft hängt man genau zwis­chen zwei Stufen fest: Die eine ist gäh­nend lang­weilig, auf der näch­sten sieht man kein Land mehr. Zu guter Let­zt gibt es zwar einen Online-Mul­ti­play­er, dieser beschränkt sich aktuell jedoch auf pri­vate Lob­bies per Code-Eingabe. Ein öffentlich­es Match­mak­ing, um ein­fach mal schnell gegen ein paar Fremde aus der ganzen Welt anzutreten, fehlt kom­plett.

Ein lohnen­der Box­en­stopp für zwis­chen­durch?
Unser Faz­it bei SimUl­ti­mate fällt daher gemis­cht aus. iRac­ing Arcade ist ein Spiel, das irgend­wie zwis­chen den Stühlen sitzt. Es möchte ein zugänglich­er Arcade-Rac­er sein, lässt aber genau jene tiefge­hen­den Game­play-Mechaniken ver­mis­sen, die diesen Spie­len langfristig ihren Reiz ver­lei­hen. Gle­ichzeit­ig trägt es einen grossen Sim-Namen auf der Haube, ignori­ert aber grundle­gende Motor­sport-Fea­tures wie Zeitab­stände und Qual­i­fy­ing im Haupt­modus.

Soll­test du es dir trotz­dem holen? Wenn du nach einem anstren­gen­den Liga-Abend ein­fach mal das Gehirn auss­chal­ten und niedliche Mini-Porsches in entspan­nter Atmo­sphäre über reale Streck­en wer­fen willst, ist dieser Titel für den aufgerufe­nen Preis ein wun­der­bar­er Snack für zwis­chen­durch. Wenn du aber ein tief­gründi­ges Renn­spiel mit Strate­gie und Fein­schliff suchst, wirst du hier schnell an die Gren­zen stossen. Wir hof­fen inständig, dass die Entwick­ler mit kom­menden Patch­es noch etwas mehr Struk­tur, ein öffentlich­es Match­mak­ing und vor allem ver­dammte Delta-Zeit­en nachre­ichen!

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